Meditationen für jeden Tag

JAHRESKREIS
33. WOCHE - SAMSTAG

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DIE KEUSCHHEIT LIEBEN

Die Geschlechtskraft, »ein überragendes Gut«
»Keuschheit in jedem Lebensstand.
Zeugnis durch Beispiel.

I. Die Sadduzäer leugneten die Unsterblichkeit der Seele und die Auferstehung der Toten. Sie kamen zu Jesus, um ihm eine Fangfrage zu stellen, deren unsinnige Folgerungen, wie sie meinten, ihre eigene Überzeugung bestätigen würden.1

Nach jüdischem Gesetz2 muß der Bruder eines ohne Nachkommenschaft gestorbenen Mannes unter gewissen Voraussetzungen die Witwe heiraten, um dem Verstorbenen Nachkommenschaft zu sichern und den Namen der Familie nicht aussterben zu lassen. Wie ist es dann, so fragen die Sadduzäer, im Falle der sieben Brüder, die der Reihe nach die Frau heirateten, doch ohne Nachkommenschaft blieben? Wessen Frau wird sie nun bei der Auferstehung sein? Alle sieben haben sie doch zur Frau gehabt.

In seiner Antwort verweist der Herr auf die Andersartigkeit des ewigen Lebens, das keine bloße Fortsetzung irdischer Zustände ist. Der Auferstehungsleib besitzt eine andere Qualität: sie werden dann nicht mehr heiraten, (...) weil sie den Engeln gleich und durch die Auferstehung Söhne Gottes geworden sind. »Dieser Zustand, der sich - ganz offenkundig - wesentlich und nicht nur graduell von dem unterscheidet, was wir im irdischen Leben erfahren, bedeutet jedoch kein Fleischloswerden des Leibes noch - in der Folge - eine Entmenschlichung des Menschen. Er bedeutet, im Gegenteil, seine vollkommene Verwirklichung. Denn in dem leib-geistigen Wesen, das der Mensch ist, kann die Vollkommenheit nicht im Widerstreit von Geist und Leib bestehen, sondern in einer tiefen Harmonie zwischen beiden unter gewahrtem Vorrang des Geistes. In der anderen Welt wird dieser Vorrang ganz spontan und frei von jedem Widerstreit des Leibes hervortreten.«3

Diese Worte erhellen die gegenwärtige Verfaßtheit des Menschen. Gott hat ihn mit dem Geschlechtstrieb ausgestattet, um neuen Geschöpfen das irdische Leben zu schenken. Aber der Mensch erfährt auch - vielleicht intensiver als auf anderen Gebieten - einen inneren Widerstreit, der erst im Himmel ganz überwunden sein wird. Als instinktoffenes Wesen muß der Mensch hier auf Erden einen asketischen Kampf zur Integrierung des Geschlechtstriebes führen.

Trotz dieses Widerstreits ist »der innewohnende Sinn der Geschlechtskraft, daß auch in Zukunft Menschenkinder die Erde und das Reich Gottes bewohnen, (...) nicht bloß ein Gut, sondern, wie Thomas sagt, ein >überragendes Gut<.«4 Die Tugend der Keuschheit stellt den sexuellen Trieb, der auf die Fortpflanzung und auf die eheliche Vereinigung zielt, unter die Herrschaft der Vernunft in der gottgewollten Ordnung der Schöpfung. »>Je notwendiger etwas ist, um so mehr muß darin die Ordnung der Vernunft gewahrt werden.< Gerade weil die Geschlechtskraft ein so hohes und notwendiges Gut ist, darum bedarf sie der wahrenden und wehrenden Ordnung der Vernunft. Nichts anderes aber macht das Wesen der Keuschheit als eine Tugend aus als dies: daß sie im Bereich der Geschlechtskraft die Ordnung der Vernunft, den ordo rationis, verwirklicht. (...) Ratio ist nicht die auf den Bereich des natürlicherweise Erkennbaren eigenmächtig sich einschränkende >Vernunft<. Ratio meint hier - ganz allgemein - die Kraft des Menschen, Wirklichkeit zu fassen. Wirklichkeit aber faßt der Mensch nicht nur im natürlichen Erkennen, sondern auch - ja, eine höhere Wirklichkeit und auf höhere Weise - im Glauben an die Offenbarung Gottes.«5

Die Tugend der Keuschheit erfordert Reinheit im Denken und Fühlen: solche Gedanken, Wünsche und Empfindungen nämlich zu meiden, die von Gott trennen, weil sie der gottgewollten Berufung widersprechen. Sonst überläßt man sich dem Diktat der Sinne und der Tyrannei der Triebe und verliert dabei seine Würde: »Indes der Geist in beängstigendem Tempo schrumpft und immer weniger wird, bis er schließlich ganz minimal zu sein scheint, gewinnt der Körper ständig an Bedeutung, tritt unverhältnismäßig stark in den Vordergrund und beherrscht am Ende alles.«6 Deshalb sieht Thomas von Aquin die Unkeuschheit als eine Verderbnis der Klugheit, eine Blindheit des Geistes und eine Aufspaltung der Entscheidungskraft.7 Vor allem aber: Sie macht unfähig zur Freundschaft mit Gott.

II. Da die Liebe alle Tugenden grundiert, ist die Keuschheit kein bloßer Verzicht: »nicht hinschauen« »nicht tun« »nicht wünschen«.. Sie ist »eine Folge der Liebe, in der wir dem Herrn Seele und Leib, Geist und Sinne geschenkt haben. Sie ist nicht Verneinung, sondern freudige Bejahung.«8

Die Integrierung der Geschlechtlichkeit in die Person und die innere Einheit von leiblichem und geistigem Sein ist in jedem Lebensstand nötig: »Jeder Getaufte ist zur Keuschheit berufen. Der Christ hat >Christus als Gewand angelegt<(Gal 3,27), ihn, das Vorbild jeglicher Keuschheit. Alle, die an Christus glauben, sind berufen, ihrem jeweiligen Lebensstand entsprechend ein keusches Leben zu führen.«9 In der Ehe »ist die Sexualität, in welcher sich Mann und Frau durch die den Eheleuten eigenen und vorbehaltenen Akte einander schenken, keineswegs etwas rein Biologisches, sondern betrifft den innersten Kern der menschlichen Person als solcher. Auf wahrhaft menschliche Weise wird sie nur vollzogen, wenn sie in jene Liebe integriert ist, mit der Mann und Frau sich bis zum Tod vorbehaltlos einander verpflichten.«10 Die eheliche Keuschheit fördert die gegenseitige Hochschätzung und das wachsende Zartgefühl in der gegenseitigen Liebe und Hingabe. Die leiblichen Beziehungen, ohne aufzuhören, leiblich zu sein, eignen sich die Würde des Geistes an. Außerdem besitzt der Gedanke, daß die eheliche Vereinigung auf die Weckung neuen Lebens hinzielt, eine staunenswerte Kraft der Verwandlung.

Wenn Paulus schreibt, die Keuschheit sei Frucht des Geistes11, so heißt dies, daß sie nicht eigenmächtige Leistung, sondern Folge der Liebe zu Gott ist. Deshalb ist für die Bewahrung der ehelichen Keuschheit nicht nur eine zartfühlende Liebe gegenüber dem Gatten, sondern vor allem eine große Liebe zu Gott nötig. Der Christ, der im lebendigen Austausch mit Christus steht, findet in dieser Liebe einen mächtigen Impuls für seine Keuschheit.

Freilich ist die Keuschheit nicht die wichtigste Tugend im christlichen Leben, und natürlich darf es nicht auf sie reduziert werden. Doch ohne sie versiegt die Liebe - die wichtigste aller Tugenden und deren Inbegriff.

Wer den Ruf zur Ehe erhält, heiligt sich in der selbstlosen, treuen Erfüllung seiner ehelichen Aufgaben und Pflichten als Weg seiner Vereinigung mit Gott. Und wer die Berufung zum apostolischen Zölibat erhalten hat, findet in der Ganzhingabe an den Herrn und an die Menschen um des Herrn willen, indiviso corde12, ohne die Vermittlung der ehelichen Liebe, die Gnade, in tiefer Freundschaft mit Gott zu leben.

An diesem Samstag liegt es nahe, einer weitverbreiteten frommen Sitte folgend, auf Maria zu schauen. Wir nennen sie Jungfrau und Mutter. In ihr vereinen sich in sublimer Weise die zwei sonst sich ausschließenden Lebensformen der Mutterschaft und der Jungfräulichkeit. Dadurch macht Gott uns deutlich: »Gnade und Heil kommen nicht aus der Leistung, aus der Initiative oder aus der Sehnsucht des Menschen, sondern entspringen allein dem souveränen Willen Gottes. (...) Das Bekenntnis >geboren aus der Jungfrau< zusammen mit dem >empfangen vom Heiligen Geist< ist so ein Zeichen für die reine Gnadenhaftigkeit des Heils und für seinen vollkommenen Geschenkcharakter, demgegenüber der Mensch seine Empfänglichkeit, seine Offenheit, Hingabe zu bezeigen hat.«13

Diese Botschaft Gottes von der hohen Würde der Jungfräulichkeit bleibt für alle Zeiten gültig. Die Ausübung des Geschlechtstriebes gehört nicht wesentlich zur Vollkommenheit der Person. Das heutige Evangelium verweist darauf, daß Mann und Frau die Fülle der Selbsthingabe und personaler Kommunion in der Vereinigung für immer mit Gott finden. Der Ruf zur Enthaltsamkeit um des Himmelreiches willen deutet schon auf Erden zeichenhaft auf den endgültigen Zustand künftiger Auferstehung hin. Jungfräulichkeit und apostolischer Zölibat sind Zeichen der himmlischen Vollendung, zu der jeder berufen ist. »Auf diesem Hintergrund will die christliche Lehre über die Sexualität gesehen werden. Unser Glaube verkennt nicht das Schöne, Erhabene und echt Menschliche hier auf Erden.«14 Jeder hat auf Erden seine Aufgabe und seinen Weg und findet darin Opfer und Freude.

III. Die Keuschheit innerhalb der je eigenen Berufung - in Ehe oder Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen - ist ein großer Schatz der Kirche vor der Welt, denn sie zeugt vom Reichtum einer Liebe, die in Gott gründet und an Christus Maß nimmt: »Beide Berufungen, die eheliche wie die zölibatäre, leben grundsätzlich von der Bevorzugung und nicht vom Verzicht. Frau oder Mann verzichten bei der Eheschließung nicht auf alle anderen möglichen Partner, die es ja für sie auch noch geben könnte, sondern sie ziehen den erwählten Partner allen anderen möglichen Partnern vor. Die Ehe ist also in erster Linie eine Bevorzugung und dann in zweiter Linie erst ein Verzicht auf die anderen möglichen Partner.

Das gleiche gilt für die zölibatäre Lebensform. Wer als Eheloser in der Nachfolge Christi berufen ist, zieht die direkte Partnerschaft mit Gott allen anderen menschlichen Partnerschaften vor. Das heißt, der Zölibat ist zuerst immer eine Bevorzugung und dann erst - wie die Ehe - in zweiter Linie ein Verzicht. Wäre Ehe oder Zölibat nur Verzicht, dann könnten sie nicht menschlich gelebt werden.«15

Die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen sucht die Ähnlichkeit mit Christus, der beim Werk der Erlösung diese Lebensform hat leben wollen. Jesus brach mit der jüdischen Tradition, die nur in Nachkommen einen Segen sah, und weitete den Blick für die Endgültigkeit des Himmels durch sein Kommen in der Fülle der Zeit16. Die ersten Christen erfaßten dann immer deutlicher die Ehelosigkeit um Christi und des Himmelreiches willen als Segen für die ganze Kirche und für die Welt. Eine solche Einstellung war in einem heidnischen Milieu anstößig. Heute ist es nicht anders. »In einer Welt, in der Gott kaum noch anwesend erscheint, versteht man sehr schwer die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen. Die Erfahrung der Heiligen, daß Gott allein genügt, wirkt heute eher fremd. Deshalb ist eine solche Lebensform für die Kirche unverzichtbar.«17

Ein besonders wichtiger Aspekt unseres apostolischen Zeugnisses besteht darin, die Keuschheit und die sie begleitenden Tugenden durch das eigene, natürliche Beispiel attraktiv zu machen. Schamhaftigkeit, etwa in der Kleidung oder beim Sport, ist dabei ebenso wichtig wie die Weigerung, bei Dingen mitzumachen, die eines Christen unwürdig sind: seichte Gespräche unter Kollegen, frivole Filme oder Fernsehsendungen, schamlose Magazine oder leichtfertige Darbietungen.

Wir wissen, daß wir niemals über unsere Kräfte versucht werden18, wenn wir dem Rat der Kirche folgen: »Zucht der Sinne und des Geistes, Wachsamkeit und Klugheit, um die Gelegenheit zur Sünde zu vermeiden, Wahrung des Schamgefühls, Maß im Genuß, gesunde Ablenkungen, eifriges Gebet und häufiger Empfang der Sakramente der Buße und der Eucharistie. Vor allem die Jugend soll die Verehrung der unbefleckt empfangenen Gottesmutter eifrig pflegen.«19

Maria, Mater pulchrae dilectionis, die Mutter der schönen Liebe, möge uns helfen, auf dem Weg der uns eigenen Berufung in der Liebe zu Gott zu wachsen.

1 Lk 20,27-40. - 2 vgl. Dtn 25,5-10. - 3 Johannes Paul II., Ansprache, 9.12.1981. - 4 J.Pieper, Zucht und Maß, München 1964, S.27. - 5 ebd., S.29-31. - 6 J.Escrivá, Die Spur des Sämanns, Nr.841. - 7 vgl. Pieper, a.a.O., S.39. - 8 J.Escrivá, Christus begegnen, 5. - 9 Katechismus der Katholischen Kirche, 2348. - 10 Johannes Paul II., Apost. Schreiben Familiaris consortio, 22.11.1981, 11. - 11 vgl. Gal 5,23. - 12 vgl. 1 Kor 7,33. - 13 L.Scheffczyk, Das biblische Zeugnis von Maria, Wien 1979, S.20. - 14 J.Escrivá, Christus begegnen, 24. - 15 J.Kard.Meisner, Fastenhirtenbrief 1992. - 16 Gal 4,4. - 17 J.Kard.Meisner, a.a.O. - 18 vgl. 1 Kor 10,13. - 19 Kongregation für die Glaubenslehre, Erklärung zu einigen Fragen der Sexualethik, 29.12.1975, 12.


Extraído de www.hablarcondios.org / www.franciscofcarvajal.org.
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